
Wer meinen Blog bisher verfolgt hat, hat vielleicht bemerkt, dass es in den vergangenen Jahren deutlich ruhiger geworden ist.
An fehlenden Themen lag das allerdings nicht, ganz im Gegenteil. Neben meiner Tätigkeit als Strafverteidigerin habe ich mich entschieden, noch einmal ein Studium aufzunehmen: den Weiterbildungsmasterstudiengang Forensische Psychologie an der Universität Konstanz.
Warum macht man das nach vielen Jahren anwaltlicher Tätigkeit? Die Antwort hat wenig mit dem Wunsch nach einem weiteren akademischen Titel zu tun. Sie hat vielmehr mit einer Erfahrung zu tun, die vermutlich viele Strafverteidigerinnen und Strafverteidiger kennen.
Im Strafverfahren, insbesondere im Maßregel- und Strafvollstreckungsrecht, können psychiatrische und psychologische Gutachten entscheidend für den weiteren Lebensweg eines inhaftierten oder untergebrachten Menschen sein. Fragen der Schuldfähigkeit, der Gefährlichkeitsprognose oder der Lockerungen im Maßregelvollzug beruhen häufig maßgeblich auf sachverständigen Bewertungen.
Als Juristin habe ich gelernt, Gesetze auszulegen, Rechtsprechung einzuordnen und juristisch zu argumentieren. Im Laufe meiner Berufsjahre wurde mir jedoch immer deutlicher, dass die wissenschaftlichen Grundlagen vieler dieser Bewertungen außerhalb meiner eigentlichen Ausbildung lagen. Natürlich konnte ich Unstimmigkeiten erkennen und kritische Fragen stellen. Ich wollte aber verstehen, wie solche Gutachten entstehen, auf welchen empirischen Grundlagen sie beruhen und wo ihre methodischen Grenzen liegen. Gerade weil viele meiner Mandanten nicht über die finanziellen Möglichkeiten verfügen, ein privates Obergutachten einzuholen, erschien mir dieses Verständnis besonders wichtig. Nicht, um psychiatrische oder psychologische Sachverständige zu ersetzen, denn das wäre weder realistisch noch mein Anspruch, sondern um Gutachten fundierter einordnen, ihre Qualität besser beurteilen und die richtigen Fragen stellen zu können.
Das Studium hat meinen Blick auf viele dieser Fragen nachhaltig verändert. Erstmals habe ich mich intensiv mit empirischer Forschung, Statistik, Testtheorie und evidenzbasierter Risikoeinschätzung beschäftigt. Das war eine andere wissenschaftliche Welt als die juristische Dogmatik, in der ich ausgebildet wurde. Beides sind wissenschaftliche Disziplinen, allerdings mit unterschiedlichen Methoden, Fragestellungen und Erkenntniswegen. Diese Perspektive kennenzulernen, war für mich außerordentlich bereichernd.
Besonders in Erinnerung bleiben werden mir die Wochenendseminare in Konstanz. Der Austausch mit Lehrenden und Studierenden unterschiedlichster Berufsgruppen, die Einblicke in die Schweizer Praxis der Forensischen Psychologie und nicht zuletzt der Bodensee haben diese Jahre geprägt.
Ob sich der Aufwand wirklich gelohnt hat, lässt sich wirtschaftlich nicht beantworten. Fachlich und menschlich: eindeutig ja.
Ich lese psychologische und psychiatrische Gutachten heute anders als noch vor einigen Jahren. Ich erkenne methodische Unterschiede besser, verstehe die Aussagekraft und die Grenzen prognostischer Einschätzungen genauer und kann wissenschaftliche Argumente kritischer einordnen. Das macht aus mir keine Psychologin mit jahrzehntelanger Begutachtungserfahrung, wohl aber eine Strafverteidigerin mit einem deutlich erweiterten Verständnis der Schnittstelle zwischen Recht und Psychologie.
Vor allem aber hat mich das Studium in der Überzeugung bestärkt, dass gute Strafverteidigung nicht beim Gesetzestext endet. Wer Menschen in existenziellen Straf- und Maßregelverfahren vertritt, sollte bereit sein, auch über die Grenzen des eigenen Fachgebiets hinauszublicken.
Mit dem erfolgreichen Abschluss des Masterstudiums endet nun ein intensiver Lebensabschnitt.
Für diesen Blog bedeutet das zugleich einen Neubeginn.
Künftig möchte ich hier wieder regelmäßig über aktuelle Entwicklungen im Strafrecht, im Maßregelvollzug und an der Schnittstelle von Recht, Psychiatrie und Forensischer Psychologie schreiben. Gerade diese interdisziplinären Themen werden die strafrechtliche Praxis in den kommenden Jahren zunehmend prägen.
Ich freue mich darauf, diesen Blog wieder regelmäßig mit Leben zu füllen und diese Entwicklungen mit Ihnen zu teilen.